Natürlich juckt es …

Natürlich juckt’s am Ego!
Und natürlich werde ich losziehen, um solche Hammerbilder zu bekommen, wie ich sie letztens gesehen habe. Weil es nämlich einen Unterschied gibt zwischen: ich will, ich muß, ich brauche nicht und: ich kann nicht!

Der Himmel ist eine blässliche Wolkensuppe mit dem Versprechen auf die Möglichkeit von Sonnenuntergang.

Ich buckele Fotoapparat und Stativ und steige in die Hügel.

Dicht beim Landgrafen gibt es eine Bank mit Ausblick. Wenn das Wetter passt und wenn man einen Platz in der ersten Reihe ergattert, sieht man von dort ganz passabel über Stadt und Tal bis hinter zur Leuchtenburg. Eine zweite Reihe gibt es nicht, nur die Bank und viel Platz, um hinter den Köpfen der Anderen herumzustehen.

Ich bin oben und ich habe den Platz für mich allein.

Unbeweglich wie ein alter Indianer auf dem Berg stehe ich an der Kante zum Tal. Schlapphut auf den Ohren, die Arme verschränkt, grummelnd.

Wetter und Aussicht sind so lala, meine Lust zu Fotografieren ist nur noch, naja, mäßig.

Wenn es überhaupt einen Sonnenuntergang gibt, dann in gut zwanzig Minuten. Ich habe noch Zeit, ich bräuchte nur auf halbe Höhe absteigen … ich könnte an dieser Baumlücke … dazu müsste ich aber … Glückssache … die Sonne als bleiche Scheibe … dann vielleicht …

Sonne ist momentan nicht zu sehen.

Ich mag mich nicht entscheiden, bleibe einfach stehen und schaue weiter in die Landschaft.

Eine Mücke taucht auf. Ich höre, wie sie mich beobachtet.

Über den Weg nähern sich Stimmen.

Zwei junge Frauen halten hinter mir und plötzlich stehe ich auf dem heißbegehrten Platz in der ersten Reihe.
Das ändert alles! Sofort bin ich besessen von einem Foto, genau von hier oben, jetzt … gleich … im … ähhh Sonnenuntergang.

Zwei Rucksäcke landen auf der Bank.
Bierflaschen klirren.

Wir nehmen uns offiziell nicht zur Kenntnis, sonst müssten wir uns arrangieren. Aber geschwätziges Gerede hinter mir macht deutlich: hör mal, wir sind da, wollen hier sitzen, schnattern und Bier trinken.

Ja, ich weiß …
Ich baue das Stativ auf
… aber guckt mal, ich geh hier nicht weg.

In den nächsten zehn Minuten erfahre ich sehr viel über Island.

Die Aussicht vor mir am Himmel verändert sich langsam.

Eine Schwalbe tuckert durch’s Tal.

Ich klemme die Kamera auf den Objektivkopf.

Links baut sich eine Wolke auf, rechts wird der Himmel fast sonnig.

… Island … ohhh schööööön … Mietwagen … wiiiier auchhhh …

Der Bus nach Isserstedt brummt unter uns vorbei.

… viiiäl zu teuer … iiaaaa giiinauuu … Sauna so billig … Ooohh Klasse!!!! …

Spannend, wie vielen Mücken auf einmal vor dem Objektiv tanzen.

… uuuund den ganzen Taaag … ich weiiiiß … riiichtig tollll … stimmmmt… Überhaupt, es ist da ja so schön! iiijaaaa! Ja! Oh jaaaaaaa!

Mein Gehirn fängt an zu jucken.
Inwendig, an der Nasenwurzel, zwischen den Augen, würde ich mich gerne mal kratzen wollen. Aber wer hat schon Finger dünn wie Bleistifte?

Der Himmel zeigt jetzt einen Hauch von Farbe, über dem Stadtforst gegenüber wird’s sogar nett.

Ich fotografiere. Und höre nebenbei ganz viiiiel Studententratsch.

Zwischen den einzelnen Fotos wedle ich immer wieder mit dem Hut vor der Kamera. Das soll die Mücken vor dem Objektiv verscheuchen.

Lieber ein paar Sekunden dämlich tun, als auf jedem Fotos ewig unscharfe Insekten retuschieren.

Es funktioniert. Die beiden Frauen packen ihre Rucksäcke und verschwinden.

Wiiieä jiääätzt?! … so einfach wär’s gewesen? Nur ein wenig Ältere-Herren-Seltsamkeit? Nur ein wenig Hutwedeln?

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