Neid


Eigentlich wollte ich hier über Anselm Adams sinnieren, aber …

»Sind die Bilder von dir?« … die Frage kam per WhatsApp.

Nein, sind sie nicht!

Das angehängte Foto sieht vielversprechend aus, bei nächster Gelegenheit laufe ich zum Bildergucken in die  Goethegalerie.

Verdammt sind die Fotos schön!

Großformatige Bilder, auf denen die Weite viel Platz hat. Fröhlich bunte Farben. Knackscharf bis ins Detail.
Und – das gefällt mir sehr – alles passt stimmig zusammen.

Fotografiert von Tino Zippel. Zu Ersteigern, das Geld geht ans Jenaer Hospiz.

Langsam laufe ich die Bilder entlang.

Bei jedem weiteren Motiv: Verdammt … !

Verdammt … verdammt … verdammt …!

Und verdammt, ich wünschte, ich hätte alle diese Fotos selbst gemacht. Jedes Einzelne! Naja, doch wenigstens drei davon.

Als sei es zwischen Boxhandschuh und Punchingball geraten …, wie ausgeknipst …, geht mein Ego zu Boden.

Vorsichtig steige ich darüber hinweg und schlendere die restliche Fotos entlang.

Dann schnappe ich mir mein Ego und schleppe es heimwärts.

Später, in der Küche.

Ego liegt in einer Ecke, wimmert leise vor sich hin.

Ich sinniere in meinen Tee.

… die Fotos gerne selber gemacht, was genau will ich eigentlich?

So in der Öffentlichkeit zu hängen? Mit allen Leuten drumrum, die das toll finden? Ruhm und Ehre? … Klar, wäre schon toll!

Die Farben? … Sorry, meine Kamera ist voll davon, aber bisher hatte ich noch keine Verwendung dafür.

Daß die Bilder in dieser Größe technisch perfekt sind? Bis ins Detail rasiermesserscharf?! Daß sie den Erbsenzähler in mir zufrieden stellen? …    Ja klar, genau das will ich auch! (und hier steckt ein großer Stachel unterm Fell.)

Die Motive? … Fast überall, wo diese Fotos herstammen, stand ich selbst schon mit dem Fotoapparat.

Jedes Bild hätte ich genauso fotografieren können.

Habe ich aber nicht. Was nicht nur an zuviel oder zu wenig Wolken, Sonne, Schnee lag.

Die Bilder, die jetzt in der Göga hängen, waren einfach nicht da.

Ich habe sie nicht gesehen. Nicht erkannt.

Es sind nicht meine Bilder. Ich finde sie sehr schön, aber es sind einfach nicht meine Bilder. PUNKT!

Ich könnte sie gar nicht fotografieren.

Fotografieren wie die großen Vorbilder wäre, die Welt durch fremde Augen zu sehen.
Mit einer fremden Seele fremde Geschichten erzählen.

Das wäre nicht echt.

Einiger Tee fließt die Kanalisation hinunter, bis ich verstehe worum es wirklich geht:
nicht darum, genau so, sondern darum, genauso gut zu fotografieren wie Tino Zippel. Oder Anselm Adams. Oder …

Und die Frage: »sind die Bilder von Dir?« … ist vielleicht ein Anfang.

Auf jeden Fall ein Kompliment.

Ein schöneres als Neid.

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