Den Mond fotografieren

Hinter Obstbaumgezweig, über der Waldkante auf der anderen Seite des Tals, erscheint der Mond.
Boaaa, wie schön!
Ja wirklich! Schön.

Wir schließen das Gartentor. Ein Motor startet, Autoscheinwerfer reißen grellweiße Furchen in die Dunkelheit.
Kannst Du noch schnell mal ein Foto vom Mond machen?
Ich setze an, falsches Objektiv und kein Stativ zu sagen …
Dann stütz Dich doch auf dem Auto ab. Oder nimm mein Handy!
Na neeee, ich fotografiere das schon so … Das Foto wird entsprechend.

Den Vollmond fotografieren? Es ist doch nur der Mond?! Ein kurzer Blick ins Internet zeigt, andere können das viel größer viel besser.
Bis morgen werde ich der Meinung sein, Mondfotografie zeigt eigentlich nur, daß man es kann, daß man ein großes Objektiv hat und ein gutes Stativ dazu.
Aber des Fotografen Ego juckt bereits.

Zum Frühstück schwatzen wir über Mondfotos aus dem eigenen Garten:
Der Mond in groß, so mit ein paar Zweigen davor, das wär schon schön.
Ich doziere über die Sinnlosigkeit des Versuchs, doch des Fotografen Ego hat Feuer gefangen.

Falsche Zeit, sage ich … gestern war es schon viel zu dunkel als der Mond über den Horizont stieg. Ich kann entweder auf den Mond belichten, damit er gut aussieht, dann bleibt die Landschaft schwarz. Oder ich mache die Landschaft sichtbar, dann wird aus dem Mond ein unscharfer, viel zu heller Lichtfleck. Stimmungsvolle Bilder „Landschaft unterm Mond“ kann es diesmal aus dem Garten nicht geben.
Nicht ohne Photoshop.

Falscher Ort … die Bäume im Garten werden zu nah an der Kamera stehen, um sie gleichzeitig mit dem Mond scharf stellen zu können. Ich erwähne Schärfentiefe und Brennweite.
Außerdem, um den Mond so richtig groß ins Bild zu kriegen, habe ich gar nicht das passende Objektiv … moment, schweige ich, irgendwo verstaubt doch noch ein 135mm Reisezoom? (200mm KB) Damit kann man …
… Nein, kann man nicht, aber das merke ich erst später.

Also: unpassendes Objektiv …
Du kaufst Dir wegen dem einem Bild aber nicht noch mehr Fotokram? Sachliche Frage und die Vetoaugenbraue. Es bleibt also bei 135mm.

Ich trinke meinen Tee, zücke das Handy und plane das Foto. Daß ich mich verplane, werde ich auch später merken .

PhotoPills ist eine kleine und geniale App, die fehlendes astronomisches Wissen und mangelnde Erfahrungen durch Klicken und Ziehen und Internet kompensiert. Genau mein Ding!
Sie zeigt mir für jeden ausgewählten Standort mit unterschiedlichen und farbigen Linien die Auf- und Untergangspositionen u.a. für Sonne und Mond.
Auf der Kartenansicht von PhotoPills suche ich den Garten und markiere seine Position.
Der Mond stieg gestern gerade über den Horizont? Okay. Ich stelle den Mondaufgang für heute abend ein und bin erschüttert: zu gestern tut es einen Zeitsprung von über einer Stunde. Erst halb zehn in der Nacht? Das wird ziemlich frisch werden. Auch hier vertue ich mich – richtig kalt wird es.

Abends im Garten, kurz vor dem Sonnenuntergang, bin ich zuerst einmal gebannt vom rötlich fahlen lachsfarbenen Orangehimmel. Saharasand in der Luft. Davon redet der Wetterbericht schon seit Tagen. Knips.

Ungefähr zehn Minuten suche ich dann nach einem passenden Hintergrund für mein Foto – etwas mehr als ein paar Zweige vor dem Mond hätte ich schon gerne. Letztendlich stehe ich auf dem Dach der Gartenhütte:
Die Ziegenhainer Kirche und ein paar Häuser, rötlich in der Dämmerung. Knips.

In zwei Stunden, kurz nach Mondaufgang, wird rechts oben im Bildausschnitt der Mond stehen. So mein Plan.

Genug Zeit, noch ein wenig die Dämmerung nach dem Sonnenuntergang zu fotografieren. Knips, knips, knips … Ich achte nicht darauf, aber ich vergeu … verbrauche wertvolle letzte Bilder.

Noch in der Dämmerung richte ich dann auf dem Dach die Kamera und den passenden Bildausschnitt ein. Knips. Knips. Knips.

Später, im Dunkeln, will ich den Mond im selben Bildausschnitt fotografieren und später in der Bildbearbeitung beide Aufnahmen montieren. Das ist mein Plan — FakeFotografie!
Gestern habe ich darüber noch die Nase gerümpft. Heute nenne ich das lieber Langzeit-Doppelbelichtung. Oder Hardcore-HDR. Oder Zeitreparatur an der Wirklichkeit.

Aufkommender Wind, die verwendete Brennweite und das Objektiv sorgen für unscharfe Bilder. Die meisten davon lösche ich gleich.

Die Kamera bleibt eingerichtet auf dem Dach, ich verkrieche mich für die nächsten zwei Stunden in die Hütte und versuche, noch nicht sofort zu frieren.

Fünf Minuten bevor der Mond über dem Horizont erscheinen wird, stehe ich neben der Kamera auf dem Dach. Mache ein paar Langzeitbelichtungen, Gegend ohne Mond. Noch immer Wind. Er rüttelt am Stativ, verwackelt die Zweige. Wieder unscharfe Fotos.

Fünfzehn Minuten nach dem der Mond über den Horizont gestiegen sein sollte, bleibt es noch immer dunkel. Nicht einmal das Vorglühen des Himmels deutet sich an.

Na klar! Wie eine Sternschnuppe kommt die Erleuchtung. Die App rechnet mit dem Horizont gerade vor mir. Dort stehen Nachbars Garten, Gestrüpp und ein paar Obstbäume. Weit hinten das Dorf.
Ich will den Mond über der Waldkante sehen. Bis dahin wird es noch dauern.

Ungeduldig und frierend warte ich.

Vierzig Minuten – ein stärker werdendes Leuchten hinter dem Wald. Sieht aus wie im Krieg der Welten, in der alten Verfilmung, als die Aliens ihr Unwesen treiben.

Endlich! Der Mond schiebt sich als undeutlicher Lichtfleck zwischen Dunst und Wolken über den Wald und leider aus meinem Bild. Trotzdem. Knips, Knips.

Die Kamera neu ausgerichtet, letzte Fotos. Knips, Knips, Knips.

Ich steige vom Dach und packe für den Heimweg.

Ein Blick zum Himmel. Genau jetzt und hier könnte ich den Mond klar und wolkenfrei durch nur wenig Geäst fotografieren. Na toll!
Ich atme tief, aber ganz tief, ein. Ich habe gepackt und ich habe noch genau für ein Bild Platz auf der Speicherkarte. Ich wende mich ab und gehe. Zwei Schritte, ich atme tief aus, drei Schritte. Ich gehe zurück. Baue das Stativ wieder auf. Krame Kamera, Objektiv und Fernauslöser hervor und habe noch dieses eine Bild. (Sogar zwei, auch die Kamera hat sich heute Abend verrechnet.)

Anders als geplant bekomme ich mein Mondbild. Ein reales Bild, keine Montage.

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